|
Die Erfindung von Luftreifen, leicht verformbarem Blech, komplexen RadaufhĂ€ngungen und gröĂeren Motoren initiiert zu Beginn des 20. Jahrhunderts völlig neue automobile Formen. Der spĂ€ter gern benutzte Slogan âForm follows functionâ beschreibt diese Einflussnahme der Technik aufs Design in den Kindertagen des Automobils besonders treffend. Schon damals ist Mercedes Trendsetter. Bruno Sacco sieht den Grundstein der Mercedes-Benz Designgeschichte mit dem Mercedes 35 PS gelegt, dem ersten Automobil, das den Namen Mercedes trĂ€gt, einem MeisterstĂŒck technischer Schönheit.

âDas Konzept war nicht nur technisch konsequent durchdacht und stilistisch einzigartigâ, erlĂ€utert Bruno Sacco, âes erwies sich auch als Ă€uĂerst erfolgreich. Es legte den Grundstein fĂŒr eine neue Ăra des Automobilbaus.â
Das von Wilhelm Maybach als Renn- und Sportwagen konzipierte Fahrzeug, das zugleich als das erste moderne Automobil gilt, erzeugt Faszination durch Innovation. Die richtungweisende Konstruktion des ersten Mercedes umfasst einen leichten, leistungsstarken und vorne liegenden Motor, einen Pressstahlrahmen, einen niedrigen Schwerpunkt, eine breite Spur und langen Radstand, einen schrĂ€g stehende LenksĂ€ule, sowie den leistungsfĂ€higen und in seinem Design charakteristischen BienenwabenkĂŒhler aus. Dieses innovative Konzept dient zahlreichen anderen Herstellern als Grundlage fĂŒr eigene Neukonstruktionen.
 Der Mercedes "35 PS" auf der Techno Classica in Essen, 2008 | Foto: Johannes Schlörb
Technische Innovationen und Ă€sthetische Vorgaben in Einklang zu bringen, das gilt den Entwicklungsingenieuren des Ă€ltesten Automobilherstellers der Welt in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg als gröĂte Herausforderung. Ein erstes Beispiel ihrer KreativitĂ€t liefert der âBlitzen-Benzâ von 1909. Sein Design folgt aerodynamischen Erkenntnissen und Ă€sthetischem KalkĂŒl. Die Dominanz der Mercedes-Benz Modelle S, SS und SSK auf internationalen Rennstrecken in den Jahren 1927 bis 1932 trĂ€gt die Mercedes-Benz Produkt- und Markenwerte in alle Welt. Indem die siegreichen Boliden mit ihrem faszinierenden Design an die erfolgreichen Mercedes Grand-Prix-Rennwagen von 1914 erinnern, werden sie zu ersten Botschaftern einer kontinuierlichen Markenentwicklung des Hauses. Die Mercedes-Benz Typen 500 K und 540 K aus den Jahren 1935 und 1936 tragen diese Botschaft schlieĂlich weiter. Charakterstark, mit ĂŒppigen Formen und flieĂenden Linien gelten sie noch heute als Objekte vollkommener Schönheit.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hĂ€lt der Mercedes-Benz 300 SL die Automobilwelt in Atem. Der vom genialen Renningenieur Rudolf Uhlenhaut als Wettbewerbsfahrzeug konzipierte Zweisitzer wird vom Karosseriebauer Friedrich Geiger in ein automobiles Kunstwerk verwandelt. Der Mercedes-Benz 300 SL hat einen Gitterrohrrahmen, der aus konstruktiven GrĂŒnden an den Seiten verhĂ€ltnismĂ€Ăig hoch baut. ZwangslĂ€ufig mĂŒssen die TĂŒrscharniere nach oben wandern, und die FlĂŒgeltĂŒren sind geboren. Erstmals trĂ€gt ein Mercedes-Benz StraĂenfahrzeug keinen senkrecht stehenden KĂŒhlergrill, sondern eine animalisch anmutende Luftöffnung mit dem Stern in der Mitte. Die neue Front wird formgebend fĂŒr alle kommenden SL-Sportwagen. Zwischen 1954 und 1957 werden nur 1 400 CoupĂ©s des Typs 300 SL gefertigt. Unmittelbar darauf beginnt die Produktion des Mercedes-Benz 300 SL Roadster. Bruno Sacco erlebt sie hautnah mit. Der junge Designer beginnt 1958 bei Mercedes-Benz in UntertĂŒrkheim und schildert spĂ€ter seinen ersten Eindruck: âWie sorgfĂ€ltig und kunstvoll seine Karosserie zusammengefĂŒgt wurde, das hat mich nachhaltig fasziniert!â
 Mercedes-Benz 300 SL CoupĂ© "FlĂŒgeltĂŒrer" (1954 - 1957) | Foto: Daimler AG
|
|
Die Geschichte des Automobils ist mehr als 120 Jahre alt. Heute kann der Kunde aus einem Ă€uĂerst groĂen und vielfĂ€ltigen Angebot von Automobilen wĂ€hlen. Fahrzeuge aller Klassen und Marken sind in nahezu jedem Land verfĂŒgbar, die Variantenvielfalt ist fĂŒr den Einzelnen kaum noch zu ĂŒberschauen. Viele Publikumsmarken bieten heute eine komplette Produktpalette vom Kleinwagen bis zum Luxusautomobil und darĂŒber hinaus Derivate fĂŒr diverse Marktnischen. Dem Kunden beim BewĂ€ltigen dieser Vielfalt zu helfen â auch dazu dienen Markennamen. Weitgehend ungeachtet ihrer ökonomischen Bindung an ein Unternehmen steht jede Marke fĂŒr spezielle Werte. Dem Design obliegt es, die technische Kompetenz dahinter darzustellen. Das ist eine Aufgabe, der sich das Mercedes-Benz Design seit der Ăra Bruno Sacco in besonderem MaĂe verpflichtet fĂŒhlt.
Auf dem Weg zur Gestaltung eines neuen Automobils reicht es nicht, kreative Lösungen bĂŒndelweise aufzutischen, um das Produkt neu aussehen zu lassen. Vielmehr ist strategischer Weitblick gefragt. Die ZeitrĂ€ume, in denen Designer denken, sind betrĂ€chtlich und bergen ein groĂes Risiko: die Unkalkulierbarkeit gesellschaftlicher, ökonomischer und politischer VerĂ€nderungen, in die ein neues Produkt hineinwĂ€chst. Welchen Weitblick das Design vor dem Hintergrund solcher Ungewissheiten beweisen mĂŒsse, beschreibt Bruno Sacco am Beispiel des Lebenszyklus der Mercedes-Benz Personenwagen. Sacco geht von einer drei- bis fĂŒnfjĂ€hrigen Entwicklungszeit aus, einem durchschnittlichen Produktionszeitraum von acht Jahren und einer Lebensdauer von rund 20 Jahren. Folglich mĂŒsse das Design eines Mercedes-Benz nahezu 30 Jahre lang aktuell bleiben, zugleich aber auch zeitlos. Wer berĂŒcksichtigt, dass schon im zweiten Jahr dieses Zyklus die Form beschlossen wird, weiĂ um die Verantwortung des Designs fĂŒr den Erfolg eines neuen Mercedes-Benz.
Um den Erfolg langfristig zu sichern, entwickelt Bruno Sacco in den 1970er Jahren eine Mercedes-Benz Design-Philosophie. Es soll eine Design-Familie geschaffen werden, der jeder Personenwagen mit dem Stern angehört. Das oberste Gebot lautet: Ein Mercedes-Benz muss von der Ăffentlichkeit in allen Kulturkreisen der Welt als Familienmitglied intuitiv erkannt werden. Und wenn ein Mercedes-Benz in der nĂ€chsten Modellgeneration weiterentwickelt wird, dann soll die Modellreihen-IdentitĂ€t gewahrt bleiben. Bruno Sacco spricht von einer âvertikalen AffinitĂ€tâ. Sie gilt als zentrales Thema der Mercedes-Benz Design-Philosophie und garantiert, dass der VorgĂ€nger nach der PrĂ€sentation der neuen Modellgeneration nicht veraltet wirkt. Es ist das Ziel dieser Strategie, die positive Ausstrahlung eines Mercedes-Benz im StraĂenverkehr lange zu wahren.
 "Vertikale AffinitÀt" am Beispiel einer Ahnengalerie der ersten drei offiziellen S-Klasse-Baureihen. Von oben nach unten: V116, V126 und V140 (V = Baumuster mit langem Radstand) | Foto: Daimler AG
 "Horizontale HomogenitÀt" nach Sacco. Von links nach rechts vertreten durch den "C-Klasse"-VorgÀnger W201 (gemeinhin als "Hundertneunziger" bekannt), die spÀtere erste "E-Klasse" W124 und dem Àltesten Design im Bunde, der S-Klasse vom Typ 126 | Foto: Daimler AG
Als zweite tragende SĂ€ule der Mercedes-Benz Design-Philosophie gilt die MarkenidentitĂ€t. Sie verlangt traditionelle Designmerkmale zu pflegen, weiterzuentwickeln und in allen Baureihen nebeneinander darzustellen. In diesem Zusammenhang wird von âhorizontaler HomogenitĂ€tâ gesprochen. Sie findet ihre AusprĂ€gung beispielsweise im Design der KĂŒhlermasken, der Scheinwerfer und Heckleuchten. Obwohl formal nach Limousinen, CoupĂ©s und Roadster in Details differenziert wird, erkennt der Betrachter ihre Familienzugehörigkeit auf Anhieb. |
 Der damals 24-jĂ€hrige Bruno Sacco findet 1958 den Weg nach Stuttgart nicht zufĂ€llig. Wenige Jahre zuvor war im Stuttgarter Unternehmen ĂŒberhaupt erst die Abteilung âStilistikâ gegrĂŒndet worden. Die Leitung der noch recht kleinen Abteilung ĂŒbernahm zunĂ€chst Friedrich Geiger, die Aufgabe ist klar definiert: Sie soll Entwurfsprozesse neuer Mercedes-Benz Automobile ĂŒberwachen und Leitlinien fĂŒr deren Formgebung formulieren. Doch weil formale KontinuitĂ€t nicht ĂŒber Nacht wachsen kann, entwerfen die Designer zunĂ€chst noch mit stilistischem GespĂŒr. Wobei formbestimmende Experimente nicht in Serienfahrzeuge, sondern ausschlieĂlich in Rennsportwagen flieĂen.
Schon im ersten Jahr seiner Lernphase erlebt Bruno Sacco, wie Designer von Mercedes-Benz dem Zauber eines Modetrends erliegen. Die 1959 eingefĂŒhrten Limousinen der Mercedes-Benz Baureihe W111 tragen Heckflossen, wie erstmals die Ghia-Studie âGildaâ auf dem Turiner Automobilsalon 1955:
Ghia Gilda Streamline X Coupé auf dem Pebble Beach Concours d'Elegance, 2008 | Foto: Kevin Hulsey, www.khulsey.com
Nahezu jede nordamerikanische Marke ĂŒbernimmt dieses Design-Element in seine Modellneuheiten der Folgejahre, trennt sich aber auch ebenso schnell wieder davon.
Der Lernprozess bei Mercedes-Benz fĂŒhrt 1961 spĂ€ter zu einer CoupĂ©-Version dieser Modellreihe, die nicht nur eines der schönsten Mercedes-Benz Automobile, sondern fĂŒr viele Fachleute eins der attraktivsten Autos aller Zeiten wird. Insbesondere die Gestaltung von C-SĂ€ule, Heckscheibe und Heckabschluss rechtfertigen diese Wertung.
Abgelöst werden die Heckflossen-Modelle der Oberklasse im Jahre 1965 von den technisch sehr Ă€hnlichen Mercedes-Benz Typen 250 S, 250 SE, 300 SEb und 300 SE lang der Baureihen W108 und W109. Das Design der neuen Modelle verzichtet auf modisches Beiwerk und ĂŒberzeugt durch schlichte Eleganz. Die sehr erfolgreichen Modelle werden bis 1972 gebaut und von der S-Klasse W116 abgelöst.
Unter Leitung des genialen Konstrukteurs BĂ©la BarĂ©nyi wachsen in der Nachkriegszeit konstruktive Sicherheitsmerkmale in Mercedes-Benz Personenwagen, die der Marke einen nachhaltigen Vorsprung im Wettbewerbsumfeld sichern. Es entstehen zahlreiche Sicherheitskarossen zu Studienzwecken. In Serie geht die so genannte Sicherheitsfahrgastzelle mit Knautschzonen an Front- und Heckpartie bei den âHeckflossen-Modellenâ der Baureihe 111.
BarĂ©nyis Empfehlungen folgt auch der von Sacco formal geprĂ€gte Mercedes-Benz 230 SL von 1963, der als sogenannte âPagodeâ unsterblich wird. Sein Namen gebendes einzigartiges Hardtop-Design erlaubt einen bequemen Einstieg in den sportlichen Zweisitzer und bietet eine strukturversteifende Funktion als Ăberrollschutz. Die Gestaltung seines konkav-konvexen Daches wirkt zwar funktional, geht aber zu Lasten der Aerodynamik.
Die Meilensteine des Mercedes-Benz Designs zwischen 1960 und 1970 heiĂen C 111-I und C 111-II. Die Experimentalfahrzeuge gehen nie in Serie, geben aber ein eindrucksvolles Beispiel der KreativitĂ€t des Mercedes-Benz Designs. Sie verdanken ihre Existenz der völligen Handlungsfreiheit von Designern, die alle konventionellen Formen ig-norieren durften. Einige Linien und formale Details der Experimentalfahrzeuge flieĂen sehr viel spĂ€ter in Serienmodelle ein.
Die Mercedes-Benz Experimentier-Sicherheits-Fahrzeuge aus den 1970er Jahren drĂŒcken aus, was die Automobilwelt jener Zeit bewegt: Einen gröĂtmöglichen Insassenschutz. Der wichtigste Exportmarkt fĂŒr Mercedes-Benz verlangt danach, die USA. Ein Fahrzeug der Reihe, das ESF 22 von 1974, erhĂ€lt als wichtiges Zeitdokument einen Platz im Mercedes-Benz Museum. Es basiert auf der S-Klasse von 1972. |
|
Im Jahr 1974 ĂŒbernimmt Bruno Sacco die Leitung des Bereichs Design-Entwicklung Mercedes-Benz und erarbeitet neben aktuellen Projekten auch Zukunftsperspektiven, die ĂŒber die nĂ€chsten Jahrzehnte hinausweisen. Schon 1978 ĂŒberrascht seine Abteilung mit einem dritten C 111-Projekt, einem Diesel-Rekordwagen, der aerodynamisch motivierte, scharfe Karosserielinien aufweist. Technische Innovationen und DesignkreativitĂ€t finden in ihm so ausdrucksstark zusammen wie in keinem Projekt der Marke zuvor. Zahlreiche Design-Elemente finden schlieĂlich ihren Weg in neue Serienmodelle der spĂ€ten 1970er und frĂŒhen 1980er Jahre. Die prĂ€zisen Kanten und Linien, die parallel zu den so genannten Flusslinien verlaufen, prĂ€gen das Design des spĂ€teren Mercedes-Benz 190.
Der âkleine Mercedesâ schlĂ€gt Ende 1982 fĂŒr die Marke Mercedes-Benz ein neues, erfolgreiches Kapitel auf. Die bisher ausschlieĂlich fĂŒr die oberen Segmente zustĂ€ndige Marke prĂ€sentiert die sogenannte Kompaktklasse als eine völlig neue Fahrzeugklasse unterhalb der etablierten Mercedes-Benz Limousinen. Der neue ViertĂŒrer spricht Kunden an, die sich erstmals einen Personenwagen mit dem Stern leisten können. Er ĂŒberzeugt nicht mit statusorientierten Stilelementen des Luxussegments, sondern mit funktionellen: seine maĂvolle Keilform mit klaren Lichtkanten, die markanten C-SĂ€ulen und der hohe, abgekantete Kofferraum stehen im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion und finden viele Nachahmer. Auch die kleine Falte im Dachbereich gerĂ€t in den Fokus. Sie erfĂŒllt eine aerodynamische Funktion.
Als zweites Meisterwerk der neuen Zeitrechnung begeistert der Mercedes-Benz SL des Jahres 1989 (Baureihe R 129). Sein ebenfalls neues Design visualisiert die Dynamik des Roadsters durch vollendete Proportionen und sportliche Details. Die lange Motorhaube, zur StraĂe hin abfallend, die A-SĂ€ulen als stilistische Fortsetzung der vorderen RadhĂ€user, das kraftvoll kurze Hardtop und die aerodynamisch weich flieĂenden Flanken formen ein in sich ruhendes Energiepaket von formaler Langlebigkeit.
Wie keine andere Modellreihe prĂ€gt die Mercedes-Benz S-Klasse die Markenwerte Innovation, Sicherheit, Komfort und Statusorientierung. Die S-Klasse der Baureihe W 140 von 1991 verabschiedet sich von traditionellen dekorativen Elementen und strahlt durch klar gegliederte, schnörkellose FlĂ€chen nicht nur zeitgenössische AktualitĂ€t, sondern auch Ăberlegenheit und ZuverlĂ€ssigkeit aus. Ihren innovativen Charakter betonen diagonal geteilte RĂŒckleuchten sowie die völlig neu gestaltete KĂŒhlermaske. Sie ist erstmals in die Motorhaube integriert und komplett von Metall eingefasst. Der Stern sitzt auf der Haube und nicht lĂ€nger auf der Chrom-Maske. Die S-Klasse hat sich von der erfolgreichen GeschĂ€ftslimousine zum kraftvoll-eleganten Trendsetter am Luxusmarkt gewandelt.

|
|
Der auf Anhieb erfolgreiche Mercedes-Benz 190 wird im Jahre 1993 von der komplett neuen C-Klasse (W 202) abgelöst. Sie gilt als letzte Modellreihe, die konsequent der 1980 vorgestellten, im Vergleich zu anderen Automobilmarken strengen Mercedes-Benz Design-Philosophie folgt. Mit markenspezifischer, moderat modernisierter Front fĂŒgt sie sich den Richtlinien der vertikalen AffinitĂ€t harmonisch in die zeitgenössische Produktpalette ein.
Wohl wissend um die wachsende KomplexitĂ€t der Mercedes-Benz-Wertewelt in Folge der anstehenden Produktoffensive, lockert Bruno Sacco die GesetzmĂ€Ăigkeiten der Design-Philosophie. Durch eine Differenzierung der KĂŒhlermasken ist man um eine ĂŒbersichtliche Struktur bemĂŒht. Gleichzeitig werden vom Design produktspezifische neue Scheinwerfer-Radhaus-Pakete geschnĂŒrt, um die EigenstĂ€ndigkeit der Modellreihen zu stĂ€rken. Die ZĂ€sur wird mit Erscheinen der E-Klasse der Baureihe W 210 im Jahre 1995 öffentlich. Das so genannte Vieraugen-Gesicht der CoupĂ©-Studie des Genfer Automobilsalons von 1993 geht damit in Serie.
Dass die Studie von Genf im Jahre 1997 ins neue Mercedes-Benz CLK CoupĂ© (C 208) mĂŒndet, verwundert damals nurmehr wenige Skeptiker, die einen ExklusivitĂ€tsverlust der Marke Mercedes-Benz fĂŒrchten. Sie werden durch die starke IndividualitĂ€t, die harmonische Verbindung von purer Fahrfreude und den eleganten Auftritt, aber auch durch die harmonische Integration des Viersitzers in die Mercedes-Benz Produktfamilie von seiner Existenzberechtigung ĂŒberzeugt. Das ein Jahr spĂ€ter vorgestellte CLK Cabriolet unterstreicht diesen Anspruch weiter: der Mercedes-Benz CLK hat eine eigenstĂ€ndige Modellreihe etabliert.

Designtrends entstehen durch Vorstellungskraft und den Mut, Risiken einzugehen. Mercedes-Benz wagt mit der Anfang 1997 prĂ€sentierten M-Klasse (W 163), die Eleganz eines Kombis mit der herben Sportlichkeit eines GelĂ€ndewagens zu vereinen. Es gelingt, groĂe Bodenfreiheit mit RĂ€dern in weiten RadhĂ€usern sowie eine erhöhte Sitzposition der Passagiere in eine Designsprache zu kleiden, die deutliche Anleihen bei Mercedes-Benz Limousinen zeichnet. Der neue Mercedes-Benz ML gerĂ€t zu einem âSport Utility Vehicleâ (SUV) der gehobenen Klasse.
Gerade so viel vertikale AffinitĂ€t und horizontale HomogenitĂ€t wie nötig habe er von den Designern des Mercedes-Benz SLK (Baureihe R 170) verlangt, der 1996 eine Sensation am Sportwagenmarkt generiert, gibt Bruno Sacco zu Protokoll. Der neue Roadster orientiert sich an der Ă€sthetischen QualitĂ€t des gröĂeren Bruders Mercedes-Benz SL, zitiert mit Powerdomes auf der Motorhaube aber auch Stilmerkmale des legendĂ€ren 300 SL von 1954. Seine langgestreckte Form mit kurzen ĂberhĂ€ngen vorn und hinten symbolisiert den Wunsch, vorwĂ€rts zu drĂ€ngen. Das innovative Klappdach setzt im modernen Automobilbau neue MaĂstĂ€be in den Disziplinen formale KreativitĂ€t, Alltagstauglichkeit und Funktionssicherheit. |
|
Seit den 1980er Jahren folgt das Mercedes-Benz Design einer von Bruno Sacco initiierten strengen Logik. In ihrer historischen Entwicklung hat die Marke Mercedes-Benz VerĂ€nderungen durchlaufen und steht seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr nur fĂŒr Fahrzeuge der oberen Segmente. Beginnend in der ersten HĂ€lfte der 1990er Jahre hat die Produktoffensive zu neuen erfolgreichen Konzepten gefĂŒhrt, die völlig neue Zielgruppen erschlieĂen. Die Vielzahl der Modellneuheiten hat frische Ausdrucksformen verlangt, die ein gemeinsames Ziel verfolgen: Jede Modellreihe und jedes Produkt muss alle Werte besitzen, die Kunden mit einem Mercedes-Benz in Verbindung bringen. Bruno Saccos einfachste Regel der Mercedes-Benz Design-Philosophie gewinnt dadurch besondere AktualitĂ€t: âEin Mercedes-Benz sieht immer wie ein Mercedes-Benz aus.â
Die ZĂ€sur erfolgt im MĂ€rz 1993. Im Mittelpunkt des Messestands von Mercedes-Benz auf dem Automobilsalon Genf steht nicht ein neues Serienmodell mit Technikinnovationen, sondern erstmals eine Designstudie.

Die Ăffentlichkeit bewundert die CoupĂ©-Studie mit vier ovalen Scheinwerfern, muskulös ausgeformten RadhĂ€usern und einer sehr dynamisch gestalteten, harmonisch in die Motorhaube integrierten KĂŒhlermaske. Und als die E-Klasse der Baureihe W 210 mit dem âVieraugen-Gesichtâ zwei Jahre spĂ€ter an den Start geht, ist klar: Nicht nur die neue Limousine sollte mit anderen Augen gesehen werden, sondern auch die Marke Mercedes-Benz. Der Slogan lautet: âSee Mercedes with new eyes!â Ab jetzt geht es nicht mehr ausschlieĂlich um die Wertigkeit eines Mercedes-Benz Produkts, sondern um deren Bedeutung fĂŒr die Marke Mercedes-Benz.

Bruno Sacco sieht in der Entwicklung der E-Klasse mit ihren elliptischen Scheinwerfern damals die besondere Chance, technische und formale Innovationen miteinander zu verbinden. Das neue Gestaltungsthema lebt beispielsweise in den nachfolgenden Baureihen 208 (CLK-Klasse), 220 (S-Klasse) und 215 (CL-Klasse) erfolgreich fort. Der Konkurrenzkampf im Automobilmarkt wird von Mercedes-Benz fortan offensiv als Markenwettbewerb gefĂŒhrt.
Dem Markenwettbewerb voraus ging in den 1990er Jahren der zwei Dekaden lang gefĂŒhrte Wettbewerb ums beste Image eines Automobils. Dieser wiederum entwickelte sich aus dem Konkurrenzkampf um die beste ProduktqualitĂ€t. Heute stehen eher emotional geprĂ€gte Differenzierungskriterien wie Markenimage oder Design im Fokus. Die Ă€uĂere Erscheinung eines Produkts stellt ein zentrales Kaufmotiv dar.
GroĂartige Design-Ideen entspringen heute mehr denn je aus verĂ€nderten technologischen Anforderungen. Erkenntnisse aus dem Windkanal etwa verlangen konkrete formale Lösungen. Andererseits erfordern innovative Formen innovative technische Lösungen, beispielsweise die Verwendung neuer Werkstoffe. Mercedes-Benz verfolgt das Ziel, statt Verkleidungen lackiertes Blech zu verwenden, um einen nicht unerheblichen Beitrag zur UmweltvertrĂ€glichkeit eines Autos zu leisten. So erfolgen Design-Entscheidungsprozesse heute immer im Austausch mit anderen Entwicklungsbereichen. Wobei die Ă€sthetische Kompetenz nicht diskutierbar ist. |
|
Unter dem programmatischen Begriff Produktoffensive wandelt sich Mercedes-Benz ab Mitte der 1990er Jahre von einer im Wesentlichen durch drei Personenwagen-Baureihen getragenen Marke zum Anbieter eines umfangreichen Produktportfolios. Ăber die C-, E- und S-Klasse hinaus werden mit der A-, M-, SLK- und CLK-Klasse neue Marktsegmente erschlossen. Das Unternehmen wĂ€chst, und die Wertewelt der Marke Mercedes-Benz gewinnt an KomplexitĂ€t. Die BemĂŒhungen des Mercedes-Benz Designs, sie durch horizontale HomogenitĂ€t zusammenzuhalten, um das vielfĂ€ltige Angebot ĂŒberschaubar zu gestalten, empfinden Teile der Ăffentlichkeit erstmals als nicht immer schlĂŒssig. Es kommt zu Irritationen, die sich in Medienberichten widerspiegeln. Die BefĂŒrchtung wird laut, dass die Markenwerte von Mercedes-Benz ĂŒberdehnt werden könnten.
Bruno Saccos These, daĂ erst die Verbindung von risikofreudiger Innovation und markentreuem Design zu einem trendbestimmenden und langlebigen Produkt fĂŒhre, wird nach der Mercedes-Benz-Kompaktklasse erneut durch die 1996 vorgestellte A-Klasse (W 168) bestĂ€tigt. FĂŒr den völlig neuartigen, unterhalb der C-Klasse positionierten ViertĂŒrer mit Heckklappe gehen die Verantwortlichen Risiken ein, die nur von einer so selbstbewussten Marke wie Mercedes-Benz getragen werden können. Die neue A-Klasse spiegelt in avantgardistischer Form innovative Technik wider. Sie fasziniert mit Detaillösungen, die stilistisch wie funktionell zukunftsweisend sind.
 A-Klasse der ersten Generation mit langem und kurzem Radstand | Foto: Daimler AG
Das ungewöhnliche VerhĂ€ltnis von FahrzeuglĂ€nge zu Fahrzeughöhe fĂŒhrt zur einzigartigen VariabilitĂ€t im Innenraum. Die Front- und Heckgestaltung stĂ€rkt den jugendlichen Charakter. Der doppelte Unterboden kann diverse, zukunftsorientierte Antriebsformen aufnehmen. Ăber die vielen praktischen Einzellösungen der neuen Mercedes-Benz A-Klasse hinaus wirkt ihre Gesamterscheinung sympathisch und charmant. Sie dokumentiert wie kein anderer Mercedes-Benz zum ausklingenden Jahrtausend den Mut der Markenverantwortlichen, ganz neue Wege in Technik und Design einzuschlagen. Sie trĂ€gt die Aufbruchstimmung bei Mercedes-Benz offensiv an die Ăffentlichkeit.
 S-Klasse-Ahnenreihe von den FĂŒnfziger Jahren bis 1998. die moderne HĂ€lfte entstand unter FederfĂŒhrung von Bruno Sacco, mit dem W220 ganz links als dessen "AbschluĂarbeit" | Foto: Daimler AG
Die S-Klasse des Jahres 1998 (Baureihe W 220) ist die im Wortsinn groĂe Abschlussarbeit von Bruno Sacco. Als seidig-eleganten, durchtrainierten Athleten lĂ€sst er den InnovationstrĂ€ger der Marke auftreten. Die traditionelle Frontpartie mit integralem StossfĂ€nger formt die Limousine zu einer Skulptur. Front- und Heckscheibe sind stĂ€rker als bisher geneigt und lassen die Limousine niedriger und schlanker erscheinen. Das weltweit geschĂ€tzte Mercedes-Charisma gewinnt durch seinen starken Auftritt eine neue Dimension. Fernab distanzierender Arroganz wirkt die Mercedes-Benz S-Klasse selbstbewusst und individuell. Sie erzeugt eine neue QualitĂ€t distinguierter automobiler SouverĂ€nitĂ€t.

Bruno Sacco geht im MĂ€rz 1999 in den Ruhestand. Doch der Geist des ersten wirklichen Design-Strategen der Marke Mercedes-Benz wirkt fort im Designbereich. |
|
|